Artikel aus der SZ vom 12.06.10

Der Kampf mit der Angst
Von Hanna Ziegler

Seit die Bundeswehr im Kosovo und Afghanistan im Einsatz ist, leiden Soldaten unter unklaren Anforderungen. Was die Politik als Stabilisierungseinsatz oder bewaffneten Konflikt bezeichnet, erleben sie als Krieg. Ein Berufsstand im Umbruch.

Um das eigene Leben kämpfen müssen, Kameraden sterben sehen, einen Menschen töten: Für Bundeswehrsoldaten war das viele Jahrzehnte lang Theorie. Die Realität waren Biwak auf dem Truppenübungsplatz und Zielscheiben aus Pappe. Die Waffen ruhten über Jahrzehnte, der Finger war nur zur Abschreckung am Abzug.

Bild vergrößern Vom Alltag in den Krieg: Plötzlich stehen junge Männer mit scharfen Waffen in der Wüste Afghanistans. Nach dem Kalten Krieg wandelt sich der Bundeswehrsoldat ganz still wieder zum Kämpfer – weil ihm nichts anderes übrig bleibt.

Heute ist die Bundeswehr keine Verteidigungsarmee mehr. Heute kämpft Deutschland in Afghanistan und beteiligt sich an Einsätzen in aller Welt. Heute kämpfen deutsche Soldaten ums eigene Leben, sehen Kameraden sterben, töten Menschen.

Wie geht es den Soldaten dabei? Wie verkraften sie ständige Bedrohung, Tod und Machtlosigkeit? Die Lektorin Ute Susanne Werner ist diesen Fragen nachgegangen und lässt in ihrem neuen Buch Ich krieg mich nicht mehr unter Kontrolle Soldaten von ihren Einsätzen im Kosvo und in Afghanistan berichten.

Wie unberechenbar die Einsätze sind, das zeigt der Bericht des Oberfeldwebels O. Herz: “Man hat sich schon Gedanken darüber gemacht, was einen erwarten würde bei so einem Auftrag. Man ist als Soldat auf Tote gefasst. Allerdings auf tote Soldaten. Wenn man dann das erste Mal tote Kinder und Frauen sieht – das liegt völlig außerhalb dessen, was man sich vorstellen kann.” Noch lange Zeit nach seinem Einsatz lassen ihn Albträume aus dem Schlaf hochschrecken, schreibt er.

Seit Anfang der neunziger Jahre befindet sich die deutsche Armee in einem Umbau- und Transformationsprozess. Wolf Graf von Baudissin prägte in den Anfängen der Bundeswehr das Bild vom “Staatsbürger in Uniform” und war maßgeblich am Aufbau der der Bundeswehr beteiligt. Die Prinzipien des Generals, wie das von der “inneren Führung” geraten seit dem Wandel jedoch immer mehr ins Abseits.

“Die Bundeswehr ist gespalten”, sagt Militärhistoriker Detlef Bald. Auf der einen Seite stehen die Reformer, die an ein Militär im Sinne von Baudissins glauben: Der Soldat ist primär ein Bürger und in die Gesellschaft integriert, verpflichtet sich auf die Demokratie und dient der Friedenssicherung. Die Befürworter von Kampfeinsätzen hingegen greifen zurück auf alte Soldatenideale, wie etwa dem des uneingeschränkten Gehorsam.

Seit vielen Jahren rekrutiert die Bundeswehr ihren Nachwuchs mit dem Bewusstsein, dass dieser wahrscheinlich auch zur Waffe greifen muss. “Die jungen Soldaten werden heute nicht mehr vom Gedanken der Verteidigung geprägt. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind wir nur noch von Freunden umgeben.”, sagt der ehemalige Oberstleutnant Jürgen Rose zu sueddeutsche.de. Jetzt heiße es stattdessen: “Wir müssen kämpfen gehen.”

Der ehemalige Reserveoffizier Marc Lindemann entspricht dem Bild des Soldaten für eine Armee im Krieg. Wenn der 33-Jährige davon spricht, Soldat zu sein, dann spricht er davon, Härte zeigen zu müssen. “Der ideale Soldat ist für mich ein ehrenhafter, gebildeter und ruhiger Offizier.” Jemand, der entschlossen sei und fürsorglich mit seinen Soldaten umgehe. Lindemann ist gebildet, hat Politik, Geschichte und Arabisch studiert.

Mit seinem Entschluss zur Bundeswehr zu gehen, rebellierte er damals bewusst gegen den Mainstream. “Bundeswehr war extrem uncool”, sagt er. Das gängige Klischee der Armee in den achtziger und neunziger Jahren, an das er sich erinnert war: “Der Soldat als eine Art Zivilversager, der einfalls- und ideenlos in einem stumpfen und überflüssigen System gelandet ist.”

Zweimal war er im Einsatz in Kundus in Afghanistan. Offen sagt er, worum es dort seiner Meinung nach gehe: “Den Feind finden und vernichten.” Wer durchhalten will, darf außerhalb des Feldlagers keine Schwäche zeigen.

Stephan Litzba berichtet in Ich krieg mich nicht mehr unter Kontrolle ähnliches von seinem Einsatz im Kosovo: “Für uns Soldaten war nur wichtig: Wir müssen da durch und hart sein. Wir sind die coolen Jäger.”

Doch der Einsatz lässt ihn nicht kalt. Bei Litzba ging der Krieg zu Hause in der Seele weiter. “2001 hatte ich meinen Einsatz. Danach ging es nicht mehr. (…) Ich hatte Schlafstörungen, wurde von meinem eigenen Herzschlag wach.” Seine Erklärung: “Wir waren ständig im Ausnahmezustand. Es ist ja nicht normal, mit einer Waffe in der Hand durch die Straßen zu laufen.”

Die Soldaten befinden sich unter enormer Anspannung im Einsatz. Wenn sie in Deutschland den graublauen Airbus der Bundeswehr besteigen, lassen sie Familien und Alltag zurück. Nach der Landung stehen sie plötzlich in einem Kriegsgebiet, das offiziell keines ist. “Bewaffneter Konflikt”, mehr Gewicht darf der offizielle Sprachgebrauch des Verteidigungsministeriums dem Einsatz am Hindukusch nicht beimessen. Doch was die Soldaten erleben, ist ein Guerillakrieg.

Immer mehr Soldaten leiden unter Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). Wurden 2006 nach Bundeswehrangaben nur 83 Fälle registriert, erhielten allein im vergangenen Jahr 477 Soldaten die Diagnose PTBS. Ein Beleg für die wachsenden Strapazen, denen die Soldaten ausgesetzt sind. Wahrscheinlich ist die Zahl der traumtisierten Soldaten deutlich höher, aber nicht alle lassen sich behandeln. Aus Scham.

Karl-Heinz Biesold, Oberstarzt in der Psychiatrie des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg, sagt, dass sich das Selbstbild der Soldaten wandelt. “Die Bundeswehr war konstruiert für Heimateinsätze. So waren die Soldaten lange von dem Gedanken getragen, zu helfen – und nicht davon, zu kämpfen oder für militärische Sicherheit zu sorgen.” Ob jemand traumatisiert wird oder nicht, das hänge auch davon ab, wie man den Einsatz für sich selbst rechtfertigt, so Biesold. “Jemand, der sich als Helfer definiert und plötzlich kämpfen muss, hat es schwerer. Er erwartet, dass die Bevölkerung nett zu ihm ist und sich kooperativ verhält.”

Doch die Realität sieht häufig anders aus. Traumata entstehen dann, erklärt Biesold, wenn der bisherige Erfahrungshorizont überschritten wird – zivil oder in Uniform. “Das hat aber nichts mit Minderwertigkeit oder geringerer Professionalität eines Soldaten zu tun.” Es kann jeden treffen. Dennoch ist die Scham bei vielen Kriegsheimkehrern hoch, wenn sie nach Monaten oder Jahren noch immer unter Schlafstörungen, Herzrasen oder Albträumen leiden.

Eine Studie in den USA hat ergeben, dass erkrankte Soldaten nach dem Einsatz nicht zum Arzt gegangen sind, weil sie Angst vor einem Karriereknick hatten oder weil sie Stigmatisierung durch ihre Kameraden befürchteten.

Ähnlich könnte es den deutschen Soldaten gehen. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat das Problem nun immerhin erkannt und will gegen die Stigmatisierung ankämpfen.

Im Mai besuchte der CSU-Politiker das neue Trauma-Zentrum der Bundeswehr in Berlin, das die Behandlung in Bundeswehrkrankenhäusern ergänzt. Hier sollen Soldaten mit PTBS künftig behandelt und erforscht werden. Das Signal, das Guttenberg mit seinem Auftritt sendet ist dabei so einfach wie wichtig für das Selbstbild der Soldaten: Jeder darf Angst haben.

Blog

Der Beitrag wurde am Montag, den 21. Juni 2010 um 09:29 Uhr veröffentlicht und wurde unter Blog abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

Einen Kommentar schreiben

Auch bei uns gilt die Nettiquette. Da alle Kommentare von einem Systemadministrator freigegeben werden müssen, kann es bei der Onlinestellung zu Verzögerungen kommen.