Zum Bericht des Wehrbeauftragten
Der scheidende Wehrbeauftragte der Bundesregierung Reinhold Robbe hat gestern in Berlin zum letzten Mal seinen Jahresbericht vorgelegt. Der 100 Seiten starke Text ist eine lohnenswerte Lektüre. Über die seit Jahren bekannten Mängel hinaus verwendet Robbe eine Sprache, die von Verständnis und Sympathie für die Soldaten der Bundeswehr zeugt.
Doch auch ein nicht überhörbarer Frust findet sich in dem Bericht. Der Mangel an kampfgeeignetem Gerät für Afghanistan und an Ersatzteilen für ausgefallene Fahrzeuge ist seit Jahren bekannt. Robbe äußert an dieser Stelle seine völliges Unverständnis ob der verweigernden Handlung der Verantwortlichen. Doch wer sind diese eigentlich? Die Politik? Laut Robbe nein. Gerade in dem genannten Bereich stimme ich dem Wehrbeauftragte zu. Es ist schlicht nicht vorstellbar, dass Abgeordnete des deutschen Bundestages die schnelle Beschaffung von Ersatzteilen und angemessen geschützten Fahrzeugen aus finanziellen Gründen ablehnen. Bei Bekanntwerden einer solchen Haltung (und es würde bekanntwerden), wäre der Druck der Empörung groß bis Posten gefährdend .
Reinhold Robbe sieht die Verantwortung in der militärpolitischen Führung des Verteidigungsministeriums und der großen Kommandobehörden. Und auch mir wurde dies aus dem Bereich BMVg und Einsatzführungskommando mehrfach bestätigt. Auf meine Frage, warum dies so sei, konnten mir weder die Offiziere noch die Politiker, mit denen ich über dieses Phänomen sprach, eine schlüssige Erklärung geben. Ich habe beim besten Willen auch keine.
Einigen Einzelvorkommnissen wird durch die Erwähnung in diesem Bericht eine sehr starke Bedeutung zugemessen. Ein Kompaniechef soll auf den Repatriierungswunsch eines seiner Soldaten aus Afghanistan geantwortet haben: „Was glaubt der denn, wo er ist, auf einem Ponyhof?“ Freilich klingt das ziemlich kaltschnäuzig und zeugt nicht von guter Menschenführung. Man sollte jedoch immer auch in Betracht ziehen, dass eine solche Äußerung aus einer Laune heraus getätigt worden sein könnte. Im Geschäftzimmer der Kompanie vielleicht, den harten Burschen markierend, und mehr an die umstehenden Soldaten gerichtet, als an den Betreffenden im Einsatz. In Afghanistan jedenfalls habe ich ein solches Verhalten nie erlebt.
Reinhold Robbe zeigt mit seinem Bericht ein tiefes Verständnis für die Nöte der Truppe. Sein designierter Nachfolger wird sich dies erst erarbeiten müssen.
Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 17. März 2010 um 11:27 Uhr veröffentlicht und wurde unter Blog abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.
2 Reaktionen zu “Zum Bericht des Wehrbeauftragten”
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Von: Politikverdruss
Sehr geehrter Herr Lindemann,
ich bedaure sehr, dass Sie auf meine Frage vom 09.03.10 nicht eingehen konnten. Gleichwohl versuche ich eine knappe Antwort auf Ihre Frage:
“Die Bundeswehr braucht einen Generalstab.” So der ehemalige Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst a.D.Gertz. Dazu führte er weiter aus:” Wir brauchen auf jeden Fall eine stärkere Bündelung der militärischen Fähigkeiten an der Spitze der obersten Bundesbehörde. Die klassische Ministerialgliederung mit Konsensprinzip zwischen Bedarfsträgern und Bedarfsdeckern und sehr vielen Referaten, die funktioniert für Einsatzführung nicht wirklich.”
Wer das Zusammenspiel der Organisationsbereiche Heer, Marine, Lufwaffe, Streitkräftebasis, Verwaltung etc. mal unter dem “Konsensprinzip” erlebt hat, weiß, dass das letztlich auf “Nichtentscheidung” angelegt ist, bei der jeder OrgBereich darauf bedacht ist, seinen Anteil vom “Kuchen” (VtgEtat) zu erhalten. Das Denken in politisch-strategischen Kategorien findet kaum statt. Bei Aufstellung der Bundeswehr wurde angeblich auch deshalb auf einen Generalstab verzichtet, weil sich der Generalstab unter Hitler so willfährig gezeigt habe. Welch ein Schwachsinn. Nach dieser Logik dürfte man alle unter Despoten bewährten Organisationsstrukturen nicht mehr einnehmen. Eine “Wiedergutmachung” der besonderen Art durch Effizienzverzicht. Madame Lagarde hat das ja gerade für einen anderen Bereich gefordert.
Aber jede Wette, bevor eine derartige Effizienzepedemie, wie sie Gertz gefordert hat, in diesem konsensdurchwaberten Land um sich greift, wird ein Schneeball in der Hölle gefrieren.
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Von: Wolfgang
Zu dem “Konsensprinzip” ist gleich “Nichtentscheidung” kommt noch das Karrieredenken hinzu. Während meines Wehrdienstes 66-67 kam ich mir wie in einem großen “Krämerbetrieb” vor.
Wie lange dieses Problem, Phänomen existiert und die Besten gehen lässt kann das Beispiel von Oberst Erich Hartmann (Jagdflieger – WK2).Nach 14 BW-Dienstjahren reichte er freiwillig seinen Abschied ein, der wurde zum 30.9.1970 gewährt. Sein Kommentar: “Wenn die Bundeswehr richtig geführt, wenn Leistung und Effektivität Oberhand über das Karrieredenken behalten würden, wäre ich geblieben – um jeden Preis. Aber die Bundeswehr wird verwaltet. Das ist nicht nach meinem Geschmack”
Wer den Lebensweg dieses Mannes (Krigseinsatz 10 Jahre Gefangenschaft) kennt, weis das sein Abschied nichts mit Mutlosigkeit zu tun hatte. @ Politikverdruss An den Höllenball glaube ich auch.Gruß Wolfgang